Zum Hauptinhalt springen
Ratgeber Schwer­behinderung

Menschen mit geistiger Behin­de­rung: GdB, Merk­zei­chen und Hilfen

Von der Pflege­kompass-Redaktion
Aktu­a­li­siert am 18.10.2026

Eine geistige Behinderung, medizinisch Intelligenzminderung, wird nach der Versorgungsmedizin-Verordnung mit einem Grad der Behinderung (GdB) von 30 bis 100 bewertet, je nach Selbstständigkeit und sozialer Einordnung. Ab GdB 80 kommen die Merkzeichen G und B in Betracht, bei GdB 100 in der Regel H. Dazu gibt es Eingliederungshilfe und oft einen Pflegegrad (Stand 18.10.2026).

Viele Familien begleiten einen Menschen mit geistiger Behinderung ein Leben lang. Mit dem Älterwerden der Eltern kommen neue Fragen: Wie ist das Geld geregelt, wer hilft bei Behörden, wie soll das Wohnen später aussehen? Dieser Ratgeber ordnet Begriffe, GdB, Merkzeichen und die wichtigsten Leistungen. Den Überblick über Schwerbehindertenausweis und Nachteilsausgleiche gibt die Themenseite Schwerbehinderung; weitere Erkrankungen finden Sie unter Krankheitsbilder.

Was bedeutet geistige Behinderung?

Von einer geistigen Behinderung spricht man, wenn die intellektuellen Fähigkeiten von Geburt an oder seit der frühen Entwicklung deutlich eingeschränkt sind und dadurch die Teilhabe am Leben erschwert ist. Die medizinische Klassifikation ICD-10-GM, die Ärztinnen und Ärzte in Deutschland verwenden, führt sie im Block F70 bis F79 als Intelligenzstörung. Sie unterscheidet nach dem gemessenen Intelligenzquotienten (IQ):

Bezeichnung in der ICD-10-GMIQ-Bereich
leichte Intelligenzminderung (F70)50 bis 69
mittelgradige Intelligenzminderung (F71)35 bis 49
schwere Intelligenzminderung (F72)20 bis 34
schwerste Intelligenzminderung (F73)unter 20

Quelle: Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, ICD-10-GM Version 2026, Block F70 bis F79. Stand: 18.10.2026.

Der IQ allein beschreibt einen Menschen aber nicht. Im Sozialrecht heißt es "Menschen mit Behinderungen", deren Beeinträchtigungen sie in Wechselwirkung mit Barrieren an der Teilhabe hindern können (§ 2 Abs. 1 SGB IX).

Welcher GdB gilt bei geistiger Behinderung?

Die Versorgungsmedizinischen Grundsätze bewerten die Einschränkung der geistigen Leistungsfähigkeit in Teil B Nr. 3.4.2. Die Ziffer steht im Abschnitt zum Kindes- und Jugendalter, nennt die IQ-Werte aber ausdrücklich "bei Erwachsenen". Sie betonen, dass Testergebnisse allein nicht ausreichen: Persönlichkeitsentwicklung, Antrieb und die Fähigkeit zur sozialen Einordnung zählen mit (Nr. 3.4). Die Tabelle gibt die Stufen sinngemäß wieder.

Ausprägung, sinngemäßGdB
IQ etwa 70 bis 60, mit nur geringen Störungen oder weiterer Bildungsfähigkeit nach der Schule, Ausbildung mit Sonderregelungen erreichbar30 bis 40
IQ etwa 70 bis 60, mit stark ausgeprägten Störungen, eingeschränkter selbstständiger Lebensführung oder ohne berufliche Qualifikation trotz Förderung50 bis 70
IQ unter 60, relativ günstige Entwicklung, Selbstständigkeit in einigen Bereichen, einfache Tätigkeiten im allgemeinen Erwerbsleben möglich80 bis 90
IQ unter 60, hochgradig fehlende Selbstständigkeit und Bildungsfähigkeit, fehlende Sprachentwicklung, Beschäftigung auf Dauer nur in einer Werkstatt für behinderte Menschen100

Quelle: Versorgungsmedizin-Verordnung, Anlage zu § 2, Teil B Nr. 3.4 und 3.4.2, gesetze-im-internet.de, abgerufen am 18.10.2026. Stand: 18.10.2026.

Ab GdB 50 gilt ein Mensch als schwerbehindert und erhält auf Antrag den Ausweis (§ 2 Abs. 2, § 152 SGB IX). Kommen weitere Beeinträchtigungen hinzu, etwa eine Epilepsie oder eine Sehbehinderung, werden die Werte nicht addiert, sondern in ihrer Gesamtwirkung bewertet; mehr im Ratgeber GdB berechnen. Wie der Antrag läuft, erklärt der Ratgeber Schwerbehinderung beantragen.

Welche Merkzeichen sind möglich?

Merkzeichen bescheinigen besondere Einschränkungen und öffnen weitere Nachteilsausgleiche. Bei geistiger Behinderung sind vor allem drei wichtig:

  • H (hilflos): Wer dauernd Hilfe bei den täglichen Verrichtungen braucht, auch in Form von Anleitung oder Überwachung, gilt als hilflos. Bei einer geistigen Behinderung, die allein einen GdB von 100 bedingt, ist das in der Regel anzunehmen (Teil A Nr. 4 Buchstabe f). Hilflosigkeit liegt auch vor, wenn jemand Verrichtungen zwar könnte, sie ohne ständige Überwachung aber wegen fehlenden Antriebs nicht vornähme (Teil A Nr. 4 Buchstabe c).
  • G (erheblich gehbehindert): Bei geistiger Behinderung geht es um die Orientierung im Straßenverkehr. Bei GdB 100 ist G immer, bei GdB 80 oder 90 in den meisten Fällen anzunehmen; darunter nur in besonders gelagerten Einzelfällen (Teil D Nr. 1 f).
  • B (Begleitperson): Die Berechtigung für eine ständige Begleitung ist bei Menschen mit geistiger Behinderung anzunehmen, bei denen G gerechtfertigt ist (Teil D Nr. 2 c).

Mit H gibt es unter anderem einen Behinderten-Pauschbetrag von 7.400 Euro im Jahr (§ 33b Abs. 3 EStG). Alle Merkzeichen erklärt der Ratgeber Merkzeichen im Schwerbehindertenausweis.

Welche Leistungen gibt es?

Menschen mit einer wesentlichen Behinderung haben Anspruch auf Eingliederungshilfe (§ 99 SGB IX). Sie umfasst Leistungen zur medizinischen Rehabilitation, zur Teilhabe am Arbeitsleben, zur Teilhabe an Bildung und zur sozialen Teilhabe (§ 102 SGB IX), etwa Assistenz im Alltag oder Unterstützung beim Wohnen. Zuständig ist der Träger der Eingliederungshilfe, je nach Bundesland Kreis, Stadt oder ein überörtlicher Träger.

Daneben kommen Leistungen anderer Stellen in Betracht:

LeistungVoraussetzung, vereinfachtRechtsgrundlage
Arbeit in einer Werkstatt für behinderte MenschenBeschäftigung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt wegen Art oder Schwere der Behinderung nicht möglich, Mindestmaß verwertbarer Arbeitsleistung zu erwarten§ 219 SGB IX
Rente wegen voller Erwerbsminderungwer schon vor Erfüllung der allgemeinen Wartezeit voll erwerbsgemindert war, nach 20 Jahren Wartezeit; Werkstattbeschäftigte gelten als voll erwerbsgemindert§ 43 Abs. 2 Satz 3 und Abs. 6 SGB VI
Grundsicherung bei Erwerbsminderungab 18 Jahren, dauerhaft voll erwerbsgemindert, Einkommen und Vermögen reichen nicht§ 41 Abs. 3 SGB XII
PflegegradSelbstständigkeit im Alltag eingeschränkt, Begutachtung durch den Medizinischen Dienst§ 15 SGB XI
Pflegeleistung in einer besonderen Wohnform der EingliederungshilfePflegegrad 2 bis 5; Pflegekasse zahlt 15 % der Vergütung, höchstens 278 € im Monat§ 43a SGB XI
Kindergeld über das 25. Lebensjahr hinausBehinderung vor dem 25. Geburtstag eingetreten, Kind kann sich nicht selbst unterhalten§ 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 3 EStG

Quelle: §§ 99, 102, 219 SGB IX; § 43 SGB VI; § 41 SGB XII; §§ 15, 43a SGB XI; § 32 EStG. Stand: 18.10.2026.

Welche Rolle spielt der Pflegegrad?

Für den Pflegegrad zählt nicht die Diagnose, sondern wie selbstständig jemand im Alltag ist. Bei geistiger Behinderung sind oft die Module zu geistigen und kommunikativen Fähigkeiten sowie zu Verhaltensweisen wichtig; das höhere der beiden Module geht mit 15 Prozent in die Gesamtpunkte ein (§ 15 SGB XI). Pflegegrad 2 beginnt heute bei 27 Punkten, das Pflegegeld beträgt dann 347 Euro im Monat (§ 37 SGB XI).

Nach dem Regierungsentwurf des Pflegeneuordnungsgesetzes vom 30.09.2026, noch nicht beschlossen, soll Pflegegrad 2 für Anträge ab 01.01.2027 erst bei 30 Punkten beginnen (§ 15 Abs. 3 SGB XI-E); das Pflegegeld soll dann im Umfang eines Entlastungsbudgets von 380 Euro gezahlt werden (§ 37 Abs. 1 SGB XI-E). Für Anträge bis 31.12.2026 gilt das heutige Recht. Ein bestehender Pflegegrad soll nicht allein wegen der neuen Werte verloren gehen (§ 142b Abs. 1 und 2 SGB XI-E); dieser Schutz betrifft den Pflegegrad, nicht die Höhe einzelner Leistungen.

Einzelheiten auf der Themenseite Pflegereform 2027, den Weg zum Pflegegrad auf der Themenseite Pflegegrad. Wie sich Pflegegrad und Schwerbehindertenausweis unterscheiden, erklärt der Ratgeber Schwerbehindertenausweis und Pflegegrad.

Ein Beispiel: Wenn die Eltern älter werden

Die folgende Konstellation ist ein angenommenes Beispiel. Sie zeigt, welche Fragen typischerweise anstehen, und ersetzt keine Beratung im Einzelfall.

Ein 38-jähriger Mann mit mittelgradiger Intelligenzminderung arbeitet in einer Werkstatt und lebt bei seinen Eltern, die beide über 70 sind. Er hat einen GdB von 100 mit den Merkzeichen G, B und H sowie Pflegegrad 3. Die Eltern machen sich Sorgen, wie es weitergeht, wenn sie selbst Hilfe brauchen.

Sinnvolle Schritte sind hier: prüfen, ob eine rechtliche Betreuung eingerichtet ist oder vorbereitet werden sollte; mit dem Träger der Eingliederungshilfe über künftige Wohnformen sprechen, etwa ambulant betreutes Wohnen; Anspruch auf Erwerbsminderungsrente nach 20 Jahren Werkstatt klären; Pauschbeträge in der Steuererklärung nutzen. Mehr dazu in den Ratgebern Gesetzliche Betreuung und Ambulant betreutes Wohnen.

Welche Steuervorteile haben Familien?

Der Behinderten-Pauschbetrag richtet sich nach dem GdB, mit Merkzeichen H beträgt er 7.400 Euro im Jahr (§ 33b Abs. 3 EStG). Nutzt das Kind ihn nicht selbst, können Eltern ihn auf sich übertragen lassen, wenn sie Anspruch auf Kindergeld oder Kinderfreibetrag haben (§ 33b Abs. 5 EStG).

Pflegen Angehörige einen Menschen mit Merkzeichen H oder Pflegegrad 4 oder 5 unentgeltlich zu Hause, gibt es zusätzlich den Pflege-Pauschbetrag von 1.800 Euro im Jahr (§ 33b Abs. 6 EStG). Pflegegeld, das Eltern für ihr Kind mit Behinderung erhalten, gilt dabei nicht als Einnahme. Ihren Pauschbetrag zeigt der Behinderten-Pauschbetrag-Rechner.

Wann gelten diese Regeln nicht?

Nicht jede Lernschwäche ist eine geistige Behinderung, und nicht jede Leistung hängt am GdB:

  • Teilleistungsschwächen wie Lese-Rechtschreib-Schwäche werden gesondert bewertet, meist niedriger (Teil B Nr. 3.4.2).
  • Demenz im Alter ist keine geistige Behinderung im Sinne dieser Ziffer; sie wird als Hirnschaden mit kognitiven Störungen bewertet (Teil B Nr. 3.1).
  • Autismus hat eine eigene Ziffer (Teil B Nr. 3.5.1); zum Pflegegrad bei Autismus der Ratgeber Autismus und Pflegegrad bei Erwachsenen.
  • Eingliederungshilfe hängt nicht vom GdB ab, sondern von einer wesentlichen Behinderung im Sinne des § 99 SGB IX.

Was tun, wenn der GdB oder ein Merkzeichen fehlt?

Gegen den Bescheid des Versorgungsamts können Sie innerhalb eines Monats nach Bekanntgabe Widerspruch einlegen (§ 84 SGG); das gilt auch, wenn ein Merkzeichen abgelehnt wurde. Wie das geht, erklärt der Ratgeber Widerspruch zum Schwerbehindertenausweis. Hilfreich sind Berichte aus Werkstatt, Wohneinrichtung oder Schule, die beschreiben, wobei Hilfe, Anleitung oder Überwachung nötig ist. Bei Bescheiden anderer Stellen, etwa der Pflegekasse, gilt dieselbe Monatsfrist.

Pflegekompass führt keine Rechtsdienstleistung durch. Wir helfen bei der Vorbereitung und vermitteln, wo nötig, an einen Partner mit Erlaubnis zur Rechtsberatung (z. B. Rechtsanwältin, Sozialverband). Mehr auf der Seite Widerspruch.

Häufige Fragen

Welcher GdB gilt bei leichter geistiger Behinderung?
Je nach Selbstständigkeit und sozialer Einordnung 30 bis 40 oder 50 bis 70 (Teil B Nr. 3.4.2). Der IQ allein entscheidet nicht.

Bekommt man bei geistiger Behinderung automatisch Merkzeichen H?
Nicht automatisch. Bei einer geistigen Behinderung, die allein einen GdB von 100 bedingt, ist Hilflosigkeit in der Regel anzunehmen; sonst wird sie im Einzelfall geprüft.

Wer ist für die Eingliederungshilfe zuständig?
Der Träger der Eingliederungshilfe, den jedes Land selbst bestimmt, oft Kreis, Stadt oder ein Landschaftsverband. Die Gemeinde nennt Ihnen die zuständige Stelle.

Braucht ein erwachsener Mensch mit geistiger Behinderung einen Betreuer?
Nicht automatisch. Eine rechtliche Betreuung bestellt das Betreuungsgericht nur, soweit sie für bestimmte Angelegenheiten erforderlich ist.

Zusammenfassung

Eine geistige Behinderung wird nach Teil B Nr. 3.4.2 mit GdB 30 bis 100 bewertet, je nach Selbstständigkeit und sozialer Einordnung, nicht nach dem IQ allein. Ab GdB 80 kommen G und B in Betracht, bei GdB 100 in der Regel H. Wichtige Leistungen sind Eingliederungshilfe, Werkstatt, Erwerbsminderungsrente, Grundsicherung und Pflegegrad, dazu Steuervorteile für Familien. Mehr auf der Themenseite Schwerbehinderung und unter Krankheitsbilder.

Quellen

Beitrag teilen

Fragen am Telefon

0345 5646 3043

Jede Woche das Wichtigste für Ihren Pflege­alltag

Neue Ratgeber und Änderungen bei den Leistungen. Ohne Werbung von Dritten, jederzeit abbestellbar.

Hinweise zur Verarbeitung Ihrer Daten finden Sie in der Datenschutzerklärung.